
Betthupferl – Folge #23
18. August 2025
Betthupferl – Folge #25
15. September 2025Betthupferl – Folge #24
Von Christian Topel
“Wer zur Hölle sind sie?”
Karin schnaubt die Frage mit einer Mischung aus Todesangst und Beschützerinstinkt. Die Kinder hält sie eng umschlungen. Sie spürt diesen zwar sanften, aber unmissverständlichen Druck im Rücken, der nur vom Lauf einer Pistole stammen kann. Mit einem Regenschirm wird dieser wie aus dem Nichts aufgetauchte Hallodri die Kinder und sie wohl kaum bedrohen – nicht an einem spätsommerlichen Tag wie diesem, an dem die Sonne vom Himmel grinst, als ginge sie das Drama hier unten auf dem Rücken des Wendelsteins nichts an.
“Ich, werte Frau Brettschneider”, sagt der Mann, der sich von seinem so abrupt beendeten Besuch neulich bei ihnen zuhause offenbar viel zu schnell erholt hat, “bin, wenn sie so mögen, eine Art Bischof. Wir sind die Kirche für ein reines Jenseits, und wir können nicht zulassen, was ihr Gatte gerade vorhat.
Also: stillhalten, sonst knallts!”, raunzt er. Die Kinder wimmern leise, Karin spürt ihr Zittern.
“Schhhhhh, alles wird gut, tut einfach, was das kriminelle Kirchenoberhaupt verlangt”, flüstert Karin.
“Witzig”, sagt der Mann, während er Karin und die Kinder mit Panzertape umwickelt.
Kurze Zeit später lehnt die zu einer dreiköpfigen, silbernen Mumie verschnürte Familie an einer Kiefer. Immerhin hat dieser Folterknecht ihnen gestattet, hinüber in den Schatten zu hüpfen. Eine Dohle beäugt das glitzernde Riesenpaket, schnattert ein paar verwundert klingende Laute und flattert davon, als der Mann Karins Rucksack schultert. Ihr bleibt nicht verborgen, dass es offenbar keine Pistole war, mit der sie dieser durchgeknallte Bischof bedrohte, sondern der Griff eines altertümlichen Dolchs. Den steckt der Mann in eine Seitentasche des Rucksacks.
“Keine Sorge”, sagt der Mann, als er Karins schreckgeweitete Augen bemerkt, “ihrem Sebastian wird nichts geschehen, wenn ich rechtzeitig komme.”
“Rechtzeitig, bevor was?”, fragt Karin.
“Bevor er eine Prozedur erfolgreich beendet, an dessen Ende sich die Pforten zur Geisterwelt wieder öffnen, zum Jenseits. Wenn er das tut, gelangen alle, wirklich alle Geister hinüber – und das können und werden wir nicht zulassen! Wir, Frau Brettschneider, halten uns seit Jahrhunderten von allen Sünden fern, achten auf eine reine, unverseuchte Blutlinie, auf eine klare, arisch-christliche Geisteshaltung, und als Belohnung wartet das Paradies, eine Welt voller Reinheit und moralischer Glorie, ein Walhalla voller wunderschöner, gleichgesinnter Ehrenmänner und Ehrenfrauen.”
“Mama, ist das ein Kirchennazi?”, flüstert Sabine.
“Pscht”, macht Karin, die ihrem Peiniger nach diesem durch und durch wahnsinnigen Vortrag alles zutraut.
Doch der Mann scheint abgelenkt. Er blickt nach oben, in die Krone der Kiefer. Karin tut es ihm gleich. Und traut ihren Augen kaum: Wo vorhin eine Dohle hockte, sitzt nun ein ganzer Schwarm. Eine Phalanx aus ebenso stummen wie reglosen Vögeln, die aus unergründlich dunklen Augen auf den Bischof herabschauen.
“Mamaaa, ich muss mal”, flüstert Karins Sohn.
“Greizkruzefix”, kreischt Karin, “dein Vater steckt mit irgendwelchen Fabelwesen in irgendeiner Höhle irgendwo auf diesem scheiß Berg fest, ein geisteskranker Pseudo-Pfaffe fesselt uns, um uns hier am Arsch der Welt zurückzulassen – und dein größtes Problem ist deine verdammte Mädchenblase. Ernsthaft, Quirin?”
Karin hat kaum ausgesprochen, da erhebt sich unter markerschütterndem Getöse die schwarzgefiederte Hundertschaft und schraubt sich in einer Spirale in den Himmel. Der Bischof nimmt die Beine in die Hand. Wie von der Tarantel gestochen prescht er auf eine Felswand zu. Die Dohlen machen kehrt. Sie stürzen als pfeilförmige Formation aus dem Himmel, direkt auf den davoneilenden Bischof zu.
Das könnte schmutzig werden, denkt Karin.
“Kinder”, sagt sie, “Augen und Blasen zu!”




