
Betthupferl – Folge #27
29. Oktober 2025Betthupferl – Folge #28
Von Christian Topel
“Mama, warum sind wir denn hier hochgelatscht, wenn da eine Bahn fährt?”
Quirin zeigt auf die Haltestation einer nostalgisch anmutenden Zahnradbahn. Kurz befürchtet Karin, dass sich der vom Peiniger zum Verfolgten gewordene Pseudo-Priester über den Schienenweg ins Tal verdünnisieren will, aber der nach der Dohlenattacke sehr, sehr zerrupft wirkende Mann stapft zielstrebig an Bergbahnhof und Gaststätte vorbei. Er strebt den Eingang einer Höhle an, kramt kurz in der Hosentasche, scheint aber keine passende Münze zu finden, denn nach einem schnellen Blick über die Schulter hüpft er kurzerhand über das Drehkreuz und verschwindet im schwarzen Schlund des Stollens.
Die Wendelsteinhöhle, liest Karin den Kindern vor, gilt als Deutschlands höchstgelegene Schauhöhle – 1.711 Meter über dem Meer bohrt sie sich tief ins Herz des Berges. Entdeckt worden sei sie im Jahre 1864 von einem Mann aus dem Ort Bayrischzell, unten, im Tal. Der habe kaum ahnen können, dass er auf ein geologisches Wunder gestoßen war. Denn die Höhle gehöre zu einem uralten, natürlichen Stollensystem, das sich wie ein verborgenes Adernetz durch das Gipfelmassiv zieht. Forscher vermuten, dass sie entstand, lange bevor sich die Alpen auftürmten – also in einer Zeit, in der hier noch kein Berg, sondern vielleicht der Meeresgrund lag.
Die Kinder lauschen mit aufgesperrten Mündern.
“Und da drin ist der Papa?”, fragt Sabine.
“Finden wirs raus!”, sagt Karin und wendet sich nun ihrerseits dem Kartenautomaten zu.
“Echt jetzt!?”, nörgelt Quirin.
“Ja, echt jetzt”, sagt Karin. “Wir Brettschneiders sind anständige Leute!”
Sie fummelt 6 Euro aus dem Portmonee und zieht drei Eintrittskarten. Dann spazieren sie treppab, tiefer und tiefer. Irgendwann gelangen sie an eine Abzweigung. Karin entscheidet sich unwillkürlich für eine Richtung. Im Zickzack-Kurs marschieren sie eine Weile still durch die enge Felslandschaft, bis sich die Gesteinskluft plötzlich weitet. Sie befinden sich im sogenannten „Dom“, einer riesigen Kammer aus Stein, in der es von der Decke tropft und ihr Flüstern von den Wänden widerhallt.
“Niemand da”, sagt Quirin.
“Vielleicht ist er da rein”, erwidert Sabine, die hinter einer Absperrung einen Durchschlupf entdeckt hat. Er führt hinein in eine enge, undurchdringliche Dunkelheit.
“Scheiße”, entfährt es Karin.
“Mamaaa!”, rufen die Kinder empört.
“Entschuldigt, Mäuse, aber die Mama hat Klaustrophobie, und ich glaube nicht, dass ich da reingehen kann.” Mit zitternden Fingern zeigt Karin auf die Felsspalte.
“Ich glaube nicht, dass da ein Klaus drin ist”, sagt Sabine.
“Klahuuuuussss”, ruft Quirin. Usss usss usss, echot es von den Wänden.
“Klauuuuusiiiiii”, plärrt Sabine. Sii siii siiii, antwortet das Echo.”
“Bist du da driiihiiiin?” hin hin hin, macht Quirin weiter.
Scheiß drauf, denkt sich Karin und steigt über das Absperrseil.
“Schaut mal nach, ob ihr im Rucksack eine Taschenlampe findet.”
Tatsächlich befördert Quirin sogar eine Hirnbirn zutage.
Karin schnallt sich die Lampe über und quetscht sich in den Felsspalt. Sie atmet einmal tief durch.
“So, Kinder, Klappe halten und mir nach!”





