
Betthupferl – Folge #29
22. Dezember 2025
Betthupferl – Staffel 2 | Folge 1
9. Februar 2026Betthupferl – Folge #30
Von Christian Topel
Sebastians Leben wird zum Splitscreen.
Sein Mund steht so weit offen, dass ein Traktor darin wenden könnte; die Augen reißt er zu gewaltigen Kratern auf, während sein ebenso belesenes wie erfindungsreiches Gehirn die ganze, mehr als nur verwirrende Szene als “Unerträgliche Gleichzeitigkeit des Seins” betitelt.
Ein ebenso zerrupft wie entschlossen wirkender Mann stolpert durch die am anderen Ende der Höhle liegende Felswand, die sich als nur dem Schein nach steinernes, in Wirklichkeit durchlässiges Portal entpuppt.
Ihm auf den Fersen huschen drei – äh, Sebastian blinzelt, in der Hoffnung, sich verschaut zu haben, doch diesen aufdringlichen Viechern entkommt man offenbar nicht einmal, wenn man sich in interdimensionale Felskuppeln verirrt –, jedenfalls huschen dem Eindringling drei leider nicht wegzublinzelnde Eichhörnchen hinterher; ihren wutschnaubenden Mienen nach zu urteilen (soweit die Physiognomie dieser possierlichen Tierchen überhaupt den Anschein von Aggression zu wecken vermag), in der Absicht, den auf Sebastian zuhumpelnden Mann aufzuhalten. Zur Not gewaltsam!
Auch der Seelenwächter wendet sich dem Störenfried zu. Das riesige Schattenwesen wirkt aufgebracht. Um nicht zu sagen: stinksauer. Sein Gesicht: eine 10 von 10 auf der Eichhörchenwutfratzenskala. Custarion oder Auric (oder wie auch immer der Gigant nun heißen mag) hebt die linke Hand und hält sie in jener, offenbar kultur- sowie wesenübergreifend gültiger “Halt-Stopp-Manier" in Richtung des Störenfrieds zu seinen Füßen.
“Neiiiiiiiiiiiin”, ruft der, plötzlich gefangen wie in einer comicartigen Zeitlupenblase.
“Doch”, hört Sebastian hinter sich die Frau aus dem Spiegel sagen, “Tu es, öffne die Pforte”!
Da springt Karin durch das Portal. Zuerst meint Sebastian, sie sei von einem Heiligenschein bekränzt, doch bei genauerem Hinsehen trägt sie lediglich eine Hirnbirn auf dem Kopf – und in der Hand einen Dolch. Einen erstaunlich großen Dolch. Junge, Junge, denkt Sebastian, der bei sich schön langsam eine Art Panikattacke diagnostiziert, damit könnte sie Bäume fällen. Das ist mein Baby!
Mit Messer in der Hand, wird nicht gerannt!, hört er Karin im Geiste sagen – eine im Moment wahrlich deplatzierte Erinnerung an eine von unzähligen Verhaltensregeln, die sie ihren lebensmüden Kindern meist vergeblich einzubläuen versuchen, zuhause, wo die Welt vor kurzem noch in Ordnung war ...
Apropos Kinder, die kommen Karin mit Affenzahn hinterhergerannt.
“Oh, oh, jetzt wirds lustig”, hört Sebastian die eigene Taschenlampe quäken.
Egal, wie gefährlich die Lage, der Plappergeist kann einfach nicht die Klappe halten...
Karin erspäht ihren Mann. Wann seine Frau zur professionellen Hürdenläuferin geworden ist, weiß er nicht, aber Sebastian verfolgt mit einer Mischung aus Verwunderung, Stolz und Sorge wie sie über ein paar Felsvorsprünge hüpft und sich anschickt, den nach wie vor wie eingefroren im Weg stehenden Eindringling zu überholen.
Die Eichhörnchengang hat ihn bereits erreicht und gräbt ihre Zähnchen in des Mannes Fersen.
Das Chaos da unten am Erdboden scheint den Seelenwächter aus der Konzentration zu reißen. Während er Sabine und Quirin beäugt (und Sebastian aus einem väterlichen Reflex heraus eine Warnung ruft, von wegen: Wenn du ihnen auch nur ein Haar krümmst, prügele ich dich windelweich!), lässt der sichtlich irritierte Seelenwächter kurz die Hand sinken.
Der eichhörnchenbewährte Fuß des Eindringlings schnellt, von seinen unsichtbaren Fesseln befreit, zur Seite. Die Eich- verwandeln sich wider Willen in Flughörnchen und segeln in hohem Bogen westwärts.
Karin stolpert über das ausgescherte Bein. Im Fallen entgleitet ihr der Dolch, der kreiselnd auf Sebastian zuschießt.
“Papaaaaaaaaaa”!!!, kreischen die Kinder.
Sebastian will nicht eitel erscheinen, deshalb gönnt er sich den Gedanken nur kurz, doch wie er seinen Oberkörper in Sekundenschnelle nach hinten beugt und in dieser unbequemen Haltung verharrt, um den Dolch über sich hinwegfliegen zu lassen, das hätte – wenn schon nicht in jedem Matrix-Film, dann zumindest bei den Limbo-Weltmeisterschaften – für Aufsehen sorgen können.
Da kracht der Dolch in den Spiegel. Die Scheibe birst, und mit einem Geräusch, als breche eine kilometerdicke Gletscherzunge, klirren die Scherben zu Boden und lösen sich die Wände der Höhle in Luft auf. Ein ohrenbetäubender Wind kommt auf, der Sebastian von den Füßen reißt.
“Sebastiaaaan”, hört er Karin rufen, dann spürt er den Schmerz, und es wird dunkel.
“Sebastian?”
Er öffnet die Augen.
“Gott sei Dank, da bist du ja wieder”, sagt Karin.
“Papaaaa, na endlich”, quietschen Quirin und Sabine.
Sebastian muss sich erst an die Helligkeit gewöhnen. Er fühlt sich benommen.
“Wo bin ich, was ist passiert?”
“Wir haben dich auf dem Boden gefunden”, antwortet Karin. “direkt hinter der Kücheninsel. Du musst ohnmächtig geworden sein und dir beim Umkippen gewaltig den Schädel angehauen haben. Du lagst in einer Lache aus Kaffee und Blut.”
“Boa, war das eklig”, sagt Sabine.
Karin legt die Hand auf den Arm ihrer Tochter.
“Nicht jetzt mein Schatz, ok?!”
“Wie gehts dir ?”, fragt sie.
Wenn Sebastian das wüsste. Auf jeden Fall hat er Kopfweh. Und er fühlt sich müde, unendlich müde. Und erleichtert, dass er dieses ganze, irre Tohuwabohu wohl nur geträumt hat.
Er sieht sich um. Ein karges Dreibettzimmer, gestrichen im typischen Krankenhausmint. Das Bett gleich neben seinem ist leer, dahinter schnarcht ein Mitpatient.
“Ich habe Hunger, und ich glaube, ich könnte eine Aspirin vertragen”, sagt er.
Karin nickt verständnisvoll.
“Auf gehts Mäuse, wir teilen uns auf!”, sagt sie. “Die Mama sucht eine Schwester und ihr lauft runter in die Cafeteria und besorgt ein Sandwich, ok?”
Sebastian verkneift sich ein Grinsen, als die beiden sich als Belohnung für den mühseligen Akt der Nächstenliebe jeweils einen Schokoriegel wünschen. Ganz der Papa, denkt er, als der ganze Trupp losmarschiert und ihn mit der Schnarchnase im übernächsten Bett allein lässt.
Ein sonores, gleichmäßiges Geräusch. Einschläfernd und hypnotisch zugleich.
Die Augen drohen Sebastian wieder zuzufallen. Hrrrpüüüü, Hrrrrrpüüüh. Die Müdigkeit übermannt ihn. Als er ihr nachgibt, glaubt er etwas zu hören.
“Sebastiaaan?”





