
Betthupferl – Folge #30
10. Januar 2026Betthupferl – Staffel 2 | Folge1
Von Catherine Faber
Sabine saß auf dem grauen Sessel und ließ den Blick durch das Behandlungszimmer gleiten.
Die Pflanzen wirkten beruhigend, dabei jedoch fast demonstrativ gesund, als wollten sie beweisen, dass hier alles mehr als in Ordnung war. Ihre Hände ruhten ineinander verschränkt auf dem Schoß, die Finger kalt, obwohl der Raum angenehm warm war.
„Und wie lange ist das nun her?“
Die Stimme ihrer Therapeutin war ruhig, nicht drängend. Sabine brauchte einen Moment, bis sie antwortete. In ihrem Kopf suchte sie nach einem festen Punkt, an dem sie die Erinnerung festmachen konnte.
„Etwa zehn Jahre.“
Ein leises Nicken. Ein Kratzen des Stifts auf Papier.
„Und diese Albträume sind jetzt erst wieder gekommen? Was denken Sie, könnte ein Auslöser gewesen sein?“
Sabine atmete langsam aus. Bilder schoben sich vor ihr inneres Auge, ungefragt und doch vertraut. Sie war damals noch ein Kind gewesen. Zu jung, um alles zu verstehen, aber alt genug, um zu spüren, dass etwas nicht stimmte. Die Wendelsteinhöhle. Ihr Vater. Er war verletzt gewesen, abgemagert, seine Haut von Kratzern und Druckstellen gezeichnet. Er hatte nie wieder darüber gesprochen. Nicht an diesem Tag. Und später auch nicht.
Die Familie hatte geschwiegen. Aus Angst, aus Scham oder vielleicht aus dem Wunsch heraus, die Dinge ungeschehen zu machen. Sabine wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie jahrelang immer wieder an diesen Tag gedacht hatte, bis die Erinnerungen langsam verblassten. Nicht abrupt. Eher wie ein Bild, das zu lange der Sonne ausgesetzt war.
„Vielleicht …“ Sie zögerte. „Vielleicht habe ich sie selbst wieder geweckt.“
Die Therapeutin hob den Blick.
„Wie meinen Sie das?“
„Mein Freund Thomas und ich waren vor ein paar Wochen wandern. Mit Führung. Durch eine Tropfsteinhöhle. Eigentlich wunderschön.“ Sabine lachte kurz, ohne Humor. „Aber seitdem träume ich wieder. Von rasselnden Ketten. Von roten Augen in der Dunkelheit. Ich wache schweißgebadet auf und brauche Minuten, um zu begreifen, dass ich nicht dort bin.“
Sie schwieg. Fragte sich, ob sie sich zu viele Sorgen machte. Ob das alles nur eine Verkettung aus Zufällen und überreizter Fantasie war. Vielleicht wollte ihr Kopf ihr einfach einen Streich spielen. Vielleicht suchte er nur nach Bedeutung, wo keine war.
„Sind denn die Albträume das Einzige, das Sie belastet?“
Sabine holte tief Luft. Ihr Magen verkrampfte sich. Gestern Morgen. Die Küche. Der Geruch von Kaffee. Der Toaster. Sie überlegte, ob sie lachen sollte. Oder einfach aufstehen und gehen.
„Nun ehrlich gesagt, war da tatsächlich noch etwas.“
„Ach ja?“ Die Therapeutin lehnte sich leicht nach vorne und schob ihre Brille zurecht.
Sabine öffnete den Mund. In dem Moment vibrierte ihre Smartwatch und das Display begann hektisch zu blinken. Irritiert runzelte sie die Stirn, wollte es ignorieren. Doch dann siegte die Neugier. Ein kurzer Blick.
Erzähl das besser nicht.
Der Text leuchtete klar und eindeutig auf dem winzigen Bildschirm.
Sabines Herz setzte einen Schlag aus.


