
Betthupferl – Staffel 2 | Folge 1
9. Februar 2026Betthupferl – Staffel 2 | Folge 2
Von Christian Topel
17 Uhr – gleich würde sie aus der Tür treten.
Wie immer war sie die letzte Patientin. Warum sie sich eine Praxis am anderen Ende der Stadt ausgesucht hatte, wusste er nicht. Scham vielleicht. In diesem noblen Viertel mit seinen Jugendstilvillen konnte Sabine sicher sein, nicht irgendwelchen Bekannten oder Arbeitskollegen über den Weg zu laufen. Vielleicht war es aber auch viel banaler. Bekanntlich waren Therapieplätze rar, da nimmt man eben, was man bekommt, als Kassenpatientin.
Er zog sich die Kapuze seines Pullis über den Kopf und nahm eine, wie er hoffte, unauffällige Haltung ein, indem er sich möglichst klein und unsichtbar machte, auf dieser Bank auf der anderen Straßenseite, von der er überdies im Notfall sofort durch den hinter sich liegenden Park verduften konnte.
“Wird schon gut gehen”, murmelte er, trank den letzten Schluck Kaffee und stellte den leeren Pappbecher neben sich.
Eine Vespa zuckelte vorbei, von rechts näherten sich Schritte, denen er aber keine weitere Beachtung schenkte, da in diesem Moment die protzige Holzpforte von Frau Dr. Kuhnleins Reich aufschwang. Er hatte das Messingschild schon vor Wochen aus der Nähe in Augenschein genommen.
Wie immer blieb Sabine zunächst auf der ersten Stufe stehen, atmete tief ein und guckte in den Himmel. Sobald die Tür hinter ihr zugekracht war, kramte sie ein Päckchen Zigaretten aus der Handtasche, steckte sich eine an und inhalierte tief und hektisch zugleich. Eine scheiß Angewohnheit, dachte er jedes Mal.
“Na los, geh rüber, du Schlappschwanz!”
“Halt die Fresse!”, erwiderte er, genau in dem Moment, als die Dame, zu der die Schritte gehörten, an ihm vorüberstakste.
Sie blieb stehen. Drehte sich um.
“Wie bitte?”, blaffte sie ihn an. Trenchcoat, Aktentasche. Eindeutig eine, der man nicht besser nicht blöd kam. Er zuckte zusammen wie ein zu oft geprügelter Straßenköter.
“Nichts, gar nichts”, stammelte er.
Sie zog ein iPhone aus der Manteltasche.
“Zisch ab, du Penner, sonst lasse ich dich einbuchten!”, drohte sie.
“Oder”, schlug eine Stimme vor, “wir zwei machen es uns gemütlich. Du magst es doch hart, das sehe ich doch.” Der Frau klappte die Kinnlade herunter.
“Es, es, tut mir leid, das war ich nicht!”, sagte er schnell.
Die Frau wich einen Schritt zurück. Sie musterte ihn von oben bis unten, ließ den Blick hinüber wandern zu Frau Dr. Kuhnleins Haus, schüttelte den Kopf und steckte das Telefon wieder weg. Mehr zu sich selbst als zu ihm sagte sie, dass diese Quacksalberin ihre Schizos gefälligst unter Kontrolle bringen möge, dann stiefelte sie davon.
Sabine war zwischenzeitlich verschwunden.
“Na toll, herzlichen Dank”, flüsterte er und schloss die Augen. Er war es so leid. 5 Jahre war die Trennung nun her. 5 lange Jahre, die er abgetaucht war. Aus Sebastian Brettschneider war Socken-Sebi geworden, ein Obdachloser, den die Szene für ein wenig durchgeknallt hielt, weil er vor dem Einschlafen oft heftige Streitgespräche mit seinen löchrigen Socken führte. Besonders auffällig war er damit nicht. Der Karli sah im Suff weiße Mäuse, der dicke Ulli hielt sich für die Reinkarnation von Elvis Presley, leider inklusive ohrenbetäubender Gesangseinlagen, die ihm allerdings ein Vermögen einbrachten, weil die Menschen unten beim Aldi inzwischen wussten, dass die Konzerte pausierten, solange Ulli mit dem Zählen seiner neu hinzugekommenen Münzen beschäftigt war. Doch kaum stand die Summe fest, schmetterte er wieder los. “It’s now or never, come hold me tight”, den ganzen, lieben langen Tag in Dauerschleife.
SCHEPPERKLIRR.
Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken.
“Ha, wir werden reich”, jubilierte die Stimme, die aus dem Kaffeebecher zu kommen schien. Abgesehen von der Stimme beherbergte der nun auch ein paar Münzen. Genau 93 Cent hatte der Passant ihm hingeworfen.
Und jetzt wusste Sebastian Socken-Sebi Brettschneider auch nicht, ob er lachen oder weinen ooooder singen sollte.
d



