Betthupferl – Folge #21
23. Juli 2025
Betthupferl – Folge #23
18. August 2025Betthupferl – Folge #22
Von Catherine Faber
Sebastian steht vor dem Spiegel.
Er ist oval, goldumrahmt und fast so groß wie Sebastian selbst. Das Glas ist finster wie Teer. Da ist kein Spiegelbild, nur eine Art schwarzer Sog.
Die Höhle, in der Sebastian steht, ist ein wenig heller als die, in der er zuvor erwachte. Ein schräger Lichtstrahl fällt durch einen Spalt in der Decke, in seinem Kegel tanzt der Staub. Es riecht nach Moos, altem Metall und – leicht nach Käsefuß. Sebastian blickt an sich herab. Wie lange hat er diese Schuhe und Socken schon an? Welcher Tag ist heute? Er kratzt sich am Kopf.
„Und was genau soll ich jetzt tun?“
Aus der Kette an Sebastians Handgelenk kichert nervös Snørre.
„Na, einfach reinschauen? Oder vielleicht ein Gedicht aufsagen? Ich bin mir nicht ganz sicher…“
„Du bist dir nicht ganz sicher?!“, zischt Sebastian und funkelt die Kette an. „Sonst hast du immer so eine verdammt große Klappe, aber kaum wird's ernst, bist du auf einmal ganz klein mit Hut?! Na bravo.“
Die dunkle Stimme räuspert sich, irgendwo hinter ihm. Es klingt wie das tiefe, kehlige Grollen eines alten Motors, der wieder zum Leben erwacht. Sebastian dreht sich nicht um. Er will gar nicht wissen, was da steht. Oder schwebt. Oder was auch immer.
„Schau genau hin, Sebastian. Hör gut zu. Und nenne mir das Passwort”, raunt das Wesen.
Sebastian zögert, tritt dann jedoch langsam näher an den Spiegel heran. Die schwarze, glänzende Oberfläche scheint sich zu bewegen – als würde darin etwas warten. Und sich winden.
Vorsichtig beugt er sich vor. Und plötzlich erscheint da ein Bild. Erst flirrend und schemenhaft. Dann sieht er sich selbst. Müde, etwas verbeult und mit Augenringen wie ein Pandabär.
„Heiliges Stirnhuhn“, murmelt er. „Ich seh ja aus wie eine Banane nach drei Tagen in einem Rucksack.“
Er seufzt.
„Hallo, Herr Spiegel“, sagt er steif, „wären Sie so gut und würden mir das Passwort nennen?“
Er kommt sich unglaublich bescheuert vor. Spürt aber auch ein wenig Hoffnung.
Plötzlich flackert der Spiegel heftig, zuckt wie eine alte Neonröhre kurz vor dem Exitus – dann ertönt ein spitzes Kreischen.
„Herr Spiegel?!“ hallt es entrüstet aus dem dunklen Glas. „Warum sollte ich ein Herr sein?!“
Sebastian blinzelt. Einmal. Zweimal. Dann kneift er ungläubig die Augen zusammen. Auf der schwarzen Glasfläche ist nicht mehr sein eigenes Antlitz zu sehen, sondern das einer jungen Frau. Sie trägt ein weites, weißes Nachthemd, ihre blonden Haare fallen ihr offen über den Rücken bis zur Hüfte. Sie sieht alles andere als erfreut aus.
„Snørre?!“, zischt Sebastian die Kette an seinem Handgelenk an. „Siehst du das auch? Und hörst du “
„Nö“, kommt es prompt zurück. „Ich hör nur dich. Und mich. Und ein bisschen mein eigenes schlechtes Gewissen, aber das ist wohl gerade nicht Thema.“
„Entschuldigen Sie bitte, junge Frau“, beginnt Sebastian stockend. „Ich wusste natürlich nicht, dass – also, der Spiegel ist ja ein männliches Nomen und von daher –“
„Jaja, schon gut.“ Die Frau winkt genervt ab. „Wer bist du – und was willst du von mir? Du störst mich bei meinem Schönheitsschlaf!“
Sebastian räuspert sich, streckt sich unwillkürlich ein wenig und versucht, würdevoll zu wirken – was ihm in seinen eher zerschlissenen Klamotten nur mäßig gelingt.
„Ich bin Sebastian Aurelius Brettschneider“, sagt er schließlich.
Die Frau im Spiegel erstarrt. Ihre Augen werden groß, ihr Blick ehrfürchtig.
„Der Erbe der Spiegelseele! Träger des Schlüsselwortes. Letzter der Hörenden. Dass ich das noch erleben darf!“, haucht sie erstaunt.
Sebastian tritt unentschlossen von einem Fuß auf den anderen. Seine Kette klimpert leise.
„Ja, genau. Das bin ich wohl. Also – dürfte ich jetzt das Passwort erfahren? Ich müsste nämlich wirklich langsam mal wieder heim. Meine Frau und meine Kinder warten auf mich.“
Die Frau im Spiegel hebt dramatisch die Arme, als wolle sie einen Zauber beschwören. Ihre Stimme wird tief und bedeutungsvoll.
„Kartoffelsalatemotion.“
Sebastian starrt sie an. Sekundenlang passiert nichts. Dann blinzelt er. Hebt einen Finger. Öffnet den Mund. Schließt ihn wieder.
„Entschuldigung, was?“
„Kartoffelsalatemotion“, wiederholt sie, und Sebastian ist sicher, dass er sich verhört haben muss.
Er blickt hinunter zur Kette an seinem Handgelenk. „Snørre. Ich schwöre dir, wenn das wirklich das Passwort ist, dann fress ich meinen linken Wanderschuh.“




